Politik

Erdogan und die liberalen Universitäten: Ein zaghafter Rückschritt

Präsident Erdogan hat seine Entscheidung zur Schließung einer liberalen Universitätsinstitution zurückgenommen. Diese Wendung wirft Fragen zur Freiheit der Lehre in der Türkei auf.

vonDavid Klein1. Juli 20263 Min Lesezeit

Es war ein überraschender Schritt, als Präsident Recep Tayyip Erdogan vor kurzem das Vorhaben verkündete, eine liberal ausgerichtete Universität in Istanbul zu schließen. Nur kurze Zeit später schwenkte er jedoch um und hob diese Entscheidung auf. Die Reaktionen auf diese Kehrtwende sind ebenso vielfältig wie aufschlussreich und beleuchten die komplexe Beziehung zwischen Bildung, Politik und Liberalismus in der Türkei.

Zunächst einmal könnte man meinen, dass es sich hier um einen rein administrativen Vorgang handelt – eine Entscheidung, die auf dem Tisch lag, dann aber doch wieder in die Schublade gesteckt wurde. Doch bei näherem Hinsehen wird schnell klar, dass es weit mehr ist als das. Die Schließung einer Institution, die für progressive und liberale Ansätze in der Bildung steht, hätte nicht nur unmittelbare Folgen für die Studierenden gehabt, sondern auch ein Signal an die akademische Gemeinschaft und die Öffentlichkeit gesendet. Ein Signal, das vor allem darauf abzielte, an die konservative Basis Erdogans zu appellieren.

Die Rücknahme der Schließung könnte als Versuch interpretiert werden, das Bild der Regierung zu polieren, vor allem in einem Klima, in dem der Druck auf akademische Freiheit und Meinungsäußerung weltweit zunimmt. Vielleicht sieht Erdogan, dass die Zeit nicht günstig ist, um sich noch mehr Feinde zu schaffen – auch wenn die Universitätslandschaft in der Türkei ohnehin kaum als liberal bezeichnet werden kann. Es ist interessant zu sehen, wie der Präsident hier die Balance zwischen politischen Überzeugungen und der Notwendigkeit, eine gewisse Akzeptanz zu wahren, zu halten versucht.

Wenn wir uns die Wurzeln der liberalen Bewegung an der Uni in Istanbul näher ansehen, wird klar, dass diese Institution lange Zeit ein Hort des Widerstands gegen autoritäre Tendenzen war. Mit ihren Lehrplänen, die kritisches Denken und innovative Ideen fördern, hat sie vielen jungen Menschen Hoffnung gegeben. Die Schließung wäre also nicht nur der Tod eines Standorts im akademischen Sinne gewesen, sondern auch ein symbolisches Attentat auf den liberalen Geist, der in Teilen der türkischen Gesellschaft noch am Leben ist.

Warum also diese plötzliche Rückkehr zur Vernunft? Die Antwort könnte in der Sorge um die eigene Macht liegen. Erdogans Regierung sieht sich zunehmend mit einer wachsenden Unzufriedenheit der Bevölkerung konfrontiert, und die junge Generation könnte sich als entscheidender Faktor in künftigen Wahlen erweisen. Bildung, so könnte man sagen, ist eine der letzten Bastionen für den freien Austausch von Ideen – etwas, das die Regierung möglicherweise nicht länger ignorieren kann.

Eine weitere Überlegung ist die internationale Dimension. Die Beziehung der Türkei zur Europäischen Union und zu anderen westlichen Ländern könnte durch solch einen Rückschlag zusätzlich belastet werden. Das Schließen einer liberalen Universität hätte die ohnehin schon angespannten diplomatischen Beziehungen noch weiter verschlechtert. Vielleicht hat Erdogan also auch aus diesen geopolitischen Gründen zurückgerudert.

Selbstverständlich bleibt abzuwarten, ob diese Kehrtwende tatsächlich zu einer grundlegenden Veränderung in der türkischen Politik führen wird. Die Unsicherheit in Bezug auf die akademische Freiheit ist nach wie vor groß. Es ist jedoch zumindest eine kleine Lichtung in einem ansonsten dunklen Wald der repressiven Maßnahmen, die in den letzten Jahren die Hochschulen in der Türkei geprägt haben.

So stehen wir nun an einem Punkt, an dem wir sowohl die Rücknahme der Schließung als auch die damit verbundene symbolische Bedeutung kritisch betrachten sollten. Während es zu früh ist, um von einem echten politischen Wandel zu sprechen, könnte dies ein Indiz dafür sein, dass selbst die Regierung Erdogan nicht völlig blind gegenüber den Forderungen nach mehr Freiheit und offenen Diskursen ist. Vielleicht hat sich die Sichtweise durch den Druck von innen und außen gewandelt – und wir müssen uns nur an der Hoffnung festhalten, dass dies der Beginn eines neuen Kapitels für die freie Lehre in der Türkei ist.

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